Erziehung
Von unter- und überbeschäftigten Hunden
Autor: Thomas Baumann
"Ihr Hund ist ganz einfach nur deshalb so hektisch und überdreht wirkend, weil er nicht genügend Auslastung und Beschäftigung erhält".
Wussten Sie schon, dass diese Aussage mittlerweile zu den am häufigsten von Fachleuten erstellten Fehldiagnosen zählt.
Selbstverständlich gibt es zahlreiche Vierbeiner, die tatsächlich Hektik und somit Verhaltensunruhe infolge mangelnder oder falscher Auslastung aufzeigen. Doch mit solch einer Pauschaldiagnose werden mindestens genau so viele Hunde falsch beurteilt, bei denen genau das Gegenteil zu gleichen Symptomen führt: die Überforderung beziehungsweise die Überbeschäftigung. Zwei kurze Beispiele verdeutlichen, dass sowohl Unterforderung als auch das Gegenteil, Überforderung, zu haargenau den selben unerwünschten Verhaltensauffälligkeiten führen können.
Fallbeispiel 1:
Border Collie Flash wirkt ständig überdreht, hektisch, nervös und unruhig. Er fiept und winselt auch ständig, wenn Frauchen mit ihm spazieren geht. Da Flash keinen guten Gehorsam hat, muss er aber an der Leine bleiben. Freilauf ist somit so gut wie nie möglich. Zwei Stunden dauern die Spaziergänge über den Tag verteilt. Zu Hause versteckt Frauchen dann noch täglich im Haus und im Garten Leckerli, die Flash auch mit großer Lust sucht und meistens auch sehr schnell findet. Der Rüde ist nach Ansicht von Frauchen einfach nie müde zu kriegen.
Fallbeispiel 2:
Labrador Billy wirkt ständig überdreht, hektisch, nervös und unruhig. Er fiept und winselt auch ständig, wenn Frauchen sich mal gerade nicht um ihn kümmert. Somit zeigt er annähernd die gleichen Symptome wie Border Collie Flash. Doch dabei hat es der Tagesablauf von Billy ordentlich in sich. Billy ist von früh bis abends mit Frauchen auf Achse. Wann immer sie kann, nimmt sie ihren Billy mit. Tägliche Spaziergänge mit viel Freilauf und Stöckchenwerfen, toben und umhertollen mit seinen besten vierbeinigen Freunden, abends noch sportliche Aktivitäten in einer Hundeschule, die sie fast täglich besuchen. Dort erfreut sich Billy an Flyball, Frisbee und Agility. Doch was Frauchen auch immer unternimmt, die hektische Unruhe und die ständige Lust des Rüden auf mehr sind kaum zu bremsen. Im Gegenteil, manchmal hat Frauchen das Gefühl, dass Billy immer „verrückter“ wird.
Gehen wir einfach einmal davon aus, dass beide Vierbeiner aus tiermedizinischer Sicht gesund sind. Dann kommen wir bei näherer Betrachtung sehr schnell zu dem Ergebnis, dass beide Mensch-Hund-Beziehungen sehr gegensätzliche Ursachen für ihr Leiden haben. Bei Border Collie Flash stellte sich nämlich zweifelsfrei heraus, dass er unterbeschäftigt ist. Der offensichtlich energiegeladene Rüde wird aufgrund des mangelnden Gehorsams relativ kurz und eng an der Leine geführt. Eine zusätzliche Beschäftigung oder gar Auslastung gibt es bei den Spaziergängen nicht. Körper und Geist des Hundes wollen und brauchen deutlich mehr als nur stereotype und somit sich immer wiederholende Spaziergänge an der Leine.
Das Fiepen und Winseln gleicht einem Teekessel auf dem Herd, der bei Erreichen einer bestimmten Temperatur einen jedem bekannten Pfeifton von sich gibt. Die Leckerli-Suche zu Hause ist für Flash eine willkommene Abwechslung ohne jedoch genügend auslastende Elemente zu beinhalten. Hinzu kommen letztendlich die rassespezifischen Merkmale, die ganz sicher bei einem Border Collie höher gestellte Bedürfnisse an Beschäftigung weckt als bei den meisten anderen Hunderassen.
Labrador Billy hingegen hat ein völlig gegenteiliges Problem. Sein hektisches Treiben und seine innere Unruhe sind ganz offensichtlich folgerichtige Ergebnisse einer Überforderung. Der fast ganztätig beanspruchte Organismus führt zu einer Überreizung des Nervensystems und dadurch kommt Billy trotz vorliegender Erschöpfungsphasen nie richtig zur Ruhe. Da es für ihn immer irgend etwas zu tun gibt, meidet er wichtige Ruhezeiten regelrecht, vergleichbar mit einem kleinen Kind, das Angst hat, irgend etwas zu verpassen und trotz Müdigkeit nicht bereit ist, zu ruhen.
In diesem Zusammenhang treffe ich in der Verhaltensberatung vergleichsweise häufig auf Verhaltensmuster, die den beiden Extrembeispielen Flash und Billy sehr ähneln. Da gibt es Hundebesitzer, die ganz einfach viel zu wenig Zeit haben, sich mit ihrem Hund zu beschäftigen und auch in der Wahl der Beschäftigung oftmals wenig Geschick und Strategie beweisen. Im Ergebnis treffen wir dann auf einen unterbeschäftigten Hund. Doch immer häufiger treffe ich auch auf Hundebesitzer, die scheinbar überhaupt nicht wissen, dass mehr als zwei bis drei Stunden tägliche, intensive Beschäftigung über einen längeren Zeitraum für die wenigsten Hunde gut ist.
Sehr häufig werden in diesem Zusammenhang ausschließlich menschliche Emotionen in den eigenen Hund hineininterpretiert. Nur wenige Hundebesitzer scheinen zu verstehen – oder verstehen zu wollen, dass sich beispielsweise ein Vierbeiner beim Theorievortrag während einem Seminarbesuch letztlich im geparkten (und gut temperierten) Auto wohler fühlen könnte, als in einem überfüllten und stressfördernden Seminarraum.
Da aber viele Hunde nur die „menschliche“ Variante kennen, haben sie tatsächlich Probleme, alleine im Auto zurück zu bleiben. Gleichzeitig wirkt aber der Umgebungsstress in einem Seminarraum bei vielen Hunden keinesfalls ruhefördernd. Ein Teufelskreis bahnt sich an, wenn nicht früh damit begonnen wird, dem Hund auch einmal Alternativen anzubieten, die tatsächlich ruhefördernd sind.
Ebenfalls kritisch ist die scheinbar moderne Rund-Um-Die-Uhr-Beschäftigung in Hundetagesstätten beziehungsweise bei sogenannten Dog-Sittern. Stundenlanges Toben, Laufen, Rennen, Spielen ist dabei häufig angesagt. Immer auf Achse, immer unterwegs. Zur Ruhe kommt der Hund ja schließlich und angeblich zu Hause. Der Mensch glaubt offensichtlich, dass auch sein Vierbeiner am glücklichsten ist, wenn dessen 8- oder 10-Stunden-Tag möglichst aktiv ausgefüllt ist. In den meisten Fällen ein Trugschluss!
Eine im fünften Monat schwangere Frau teilte ihrem Dog-Sitter mit, dass sich ihr Hund in letzter Zeit auffallend unruhig und hektisch verhalte. Ob das wohl an den vielen Hunden liegen könnte, mit denen er täglich viele Stunden zusammen sei. Nein, hieß es lapidar, das liegt ausschließlich an Ihrer Schwangerschaft, Ihr Hund spürt das ganz einfach und ist nur deshalb unruhig. Der Dog-Sitter betreute ganztägig von Montag bis Freitag regelmäßig zwischen 10 und 15 Hunden – ohne individuelle Rückzugs- oder Ruhemöglichkeiten für den einzelnen Hund. Von wegen Schwangerschaft! Selbst wenn dieser Umstand in gewisser Weise zu etwas mehr Unruhe im Hund führen kann, die Überlastung beim Dog-Sitter ist wesentlich offensichtlicher und somit wahrscheinlicher.
Wie aber kann der Ausbruch aus dem Teufelskreis von Überbeschäftigung und Ruhemangel behoben werden? Zu Beginn ist es ein meist schwieriges Unterfangen, mittel- und langfristig sind jedoch positive Veränderungen garantiert. Die Anfangsschwierigkeit liegt darin, dass ein derart „überdrehter“ Vierbeiner zunächst zur Ruhe gezwungen werden muss. In der therapeutischen Arbeit beginnen wir mit verpflichtenden Ruhezeiten, die im häuslichen Bereich meist nur über eine komfortable Anbindevorrichtung oder eine Box (Ruheraum) an strategisch irrelevanten Positionen zu erfolgen haben. Protestierendes Jaulen, Bellen oder Winseln wird ignoriert, ruhiges Verhalten mit Leckerli und Lob bestätigt. Anfangs genügen 10 bis 15 Minuten Ruhezeit, später bleiben die Hunde meist schon von alleine und ohne jeden Protest zwei bis drei Stunden in diesen Ruhebereichen.
Die meisten unserer Kunden, die mit überlasteten Hunden zu uns kamen, konnten bereits innerhalb von zwei bis drei Monaten feststellen, dass ihre Vierbeiner tatsächlich ruhiger und ausgeglichener wurden. Wenn dazu noch ein auf den Hund zugeschnittenes und somit passendes Auslastungsmodell hinzugefügt wird, scheint man den einen oder anderen Vierbeiner nicht mehr wieder zu erkennen.
Übrigens, beim Auslastungsmodell wird meist viel zu viel Wert auf eine rein körperliche Beschäftigung gelegt. Doch Ballspielen, Radfahren oder einfach nur Laufen garantieren noch lange keine ausreichende Auslastung für den Hund. Hingegen ist im Vergleich das sehr viel Konzentration erfordernde Such- oder auch Spürtraining weitaus geeigneter, den allermeisten Vierbeinern eine völlig genügende Auslastung zuteil werden zu lassen. Selbst ehemals überdrehte Ball-Junkies profitieren von einer Umstellung auf das Such-Training ungemein und zeigen auch mittel- und langfristig keinerlei Entbehrungen mehr.
Auch unser Border Collie Flash, eigentlich ein Hütehund, zeigte hohe Begeisterung in der Sucharbeit nach kleinen Gegenständen und konnte mittels Schleppleine selbst auf seinen Spaziergängen effektiv beschäftigt und somit ausgelastet werden. Überlegen Sie sich gut, wenn Sie Besitzer eines unruhigen und überdreht wirkenden Hundes sind, ob es tatsächlich an einer Unterbeschäftigung oder vielleicht doch auch an einer Überforderung des Vierbeiners liegen kann. Letzteres trifft immer häufiger zu!
In jedem Fall wünsche ich Ihnen eine glückliche Hand in der Analyse und maximale Erfolge im künftigen Handeln.
