Erziehung
Teil 1 von 5
Die SCHLEPPLEINE Top-Tool für Verhaltens-Training
Autor: Thomas Baumann
Unter den mittlerweile fast zahllosen Hilfsmitteln in Erziehung und Ausbildung von Hunden hält sich seit vielen Jahren ein ganz besonderes Werkzeug bei Hundehaltern in einer bevorzugten Spitzenposition. Dabei handelt es sich um die in Diskussionen mit Fluch und Segen in Verbindung gebrachte Schleppleine.
Für die einen eine einzigartig positive und alternativlose Unterstützung im alltäglichen Umgang mit Hunden, für die anderen ein lästiges und mit angeblichen Risiken behaftetes Utensil mit geringem Nutzfaktor. Die Tatsache, dass die Schleppleine als Werkzeug im Umgang mit Hunden stark polarisiert, zeigt sehr deutlich, dass offensichtlich bei Hundehaltern und bei Hundetrainern sehr unterschiedliche Erfahrungen in der Anwendung und somit im Nutzen einer Schleppleine zugrunde liegen.
Fairer Weise sollte jeder von der Schleppleine begeisterte Hundetrainer auch die unverkennbaren Risiken beim Einsatz der Schleppleine deutlich zur Sprache bringen. Genauso aber gehört es zur wichtigen Horizonterweiterung ablehnend gestimmter Trainer, sich den glänzenden Möglichkeiten des Schleppleinen-Einsatzes im Umgang mit Hunden nicht zu verschließen.
Der verlängerte Arm
Um einen möglichst umfassenden Einblick in die Verwendungsbreite des Schleppleinen-Trainings zu bekommen, gilt es zunächst, vier wesentliche Faktoren etwas umfassender zu erläutern.
- WAS eigentlich genau ist eine Schleppleine? Wie lang, wie dünn oder wie dick und aus welchem Material sollte sie sein?
- WANN beziehungsweise in welchen Fällen kann die Schleppleine erfolgversprechend eingesetzt werden?
- WIE erfolgt der konkrete Einsatz der Schleppleine am Hund?
- Risiken im Umgang mit der Schleppleine sind unbestreitbar. Welche Gefahren bringt der Einsatz der Schleppleine für Hund und Halter? Wie können sie minimiert oder gar ausgeschlossen werden?
Beginnen wir mit der Beantwortung der ersten Frage. Die Schleppleine ist im Grunde genommen nichts anderes als eine verlängerte Führleine und dadurch so etwas wie der verlängerte Arm des Hundebesitzers. Ein mechanisches Hilfsmittel, das in seiner Zielstellung eine verbesserte Koordinierung des Vierbeiners durch Herrchen oder Frauchen verspricht. Die am häufigsten verwendete Standard-Schleppleine hat eine Länge von 10 Metern. Es gibt sie aber auch noch in den Längen 5 Meter, 15 Meter und 20 Meter zu kaufen.
Selbstverständlich sind in diesem Zusammenhang auch kostengünstige Eigenbauten in jeder beliebigen Länge möglich, da fast jedes Bauhaus die notwendigen Teile (Seile, Karabiner) im Angebot hat. Das Material der Schleppleine kann aus Naturfasern (Beispiel Baumwolle), aus Leder und/oder aus Kunststofffasern (Synthetik) bestehen. Dabei ist zu beachten: je höher der Kunststoffanteil in der Leine, um so kritischere Brandverletzungen können bei einem Durchrutschen der Leine in der Handfläche entstehen.
Die Schleppleine gibt es in den beiden Formen rund oder flach (Gurtleine) und die Frage nach der Stärke (dick oder dünn) orientiert sich am Hund als auch am beabsichtigten Verwendungszweck. Doch dazu später mehr.
Die Schleppleine als solche kann zutreffender nicht bezeichnet werden, denn die Zielstellung bei Spaziergängen im Alltag ist sicher nicht das permanente Festhalten in der Hand sondern das Nachschleifen lassen der Leine auf dem Boden. Dies erfordert selbstverständlich , dass die Schleppleine nicht mit einer Schlaufe oder irgendwelchen Zusatzteilen wie Metallringen oder Zusatzkarabiner versehen ist.
Vielseitiges Hilfsmittel Schleppleine
Die Frage, wann beziehungsweise bei welchen erzieherischen, ausbilderischen oder gar therapeutischen Maßnahmen die Schleppleine Anwendung finden kann, lässt sich relativ umfassend und konkret beantworten. In Frage kommen zunächst folgende Anwendungen:
- Rückruf-Training
- Erhöhung des Führanspruches
- Distanz-Kontrolle
- Verhaltens-Abbruch
- Fokus-Umleitung auf den Besitzer
- Häusliche Kontrolle (Haus-Schleppleine)
- Gezielte Verstärkung von Aktivitäten und somit Motivation und Stimulus
Als häufigste Zielstellung wird von Hundehaltern das Rückruf-Training genannt.
Kaum etwas im erzieherischen Alltag scheint so wichtig, wie ein zuverlässiger Gehorsam beim Rückruf. Denn nur die beständige Zuverlässigkeit beim Zurückrufen des Hundes kann als Grundstein für dessen Aktivitäten und optimale Bewegungsfreiheit im Alltagsgeschehen angesehen werden.
Die allgemeine Erhöhung des Führanspruches ist neben einer verbesserten Kontrolle auf Distanz eine weitere, häufig geäußerte Zielstellung von Hundebesitzern. Sehr effektiv kann bei einem gezielten Einsatz der Schleppleine auch das Trainieren von Verhaltens-Abbrüchen sein. Eine typische Alltagssituation ergibt sich immer wieder beim Aufnehmen oder gar Fressen von irgendwelchem Unrat oder Speiseresten, die irgendwo auf dem Spazierweg liegen können. Ein konsequentes Nein, quasi unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen durch einen Leinenimpuls, kann durchaus effektive Hilfestellung beim Abbau dieser unerwünschten Verhaltensweise sein. Über das genaue WIE werden noch an anderer Stelle Erläuterungen folgen.
Die von mir so genannte Fokus-Umleitung bedeutet nichts anderes, als dass ein extrem nach außen orientierter Hund (Außen-Fokus) sich wieder oder auch erstmalig mehr an seinem Besitzer und somit nach Innen orientiert (Innen-Fokus). Hierzu kann im Einzelfall die Verwendung einer Schleppleine hervorragende Dienste leisten. Ganz ideal erscheint dabei das „anonyme“ Schleppleinen-Training, das ebenfalls noch näher erläutert werden wird.
Für schwierige Hunde: Die Haus-Schleppleine
Immer mehr Hundebesitzer freunden sich übrigens mit der Verwendung einer vergleichsweise kurzen Haus-Schleppleine an. Gerade bei schwierigen Hunden kann Kontrolle und Koordination in den eigenen vier Wänden durch die Haus-Schleppleine oftmals erheblich verbessert werden. Die Haus-Schleppleine ist meistens zwischen 1 Meter und 2 Meter lang und hängt lose am Hund (Geschirr oder Halsband), während sich dieser in den Wohnräumen frei bewegt. Aufgrund der Kürze der Leine ist ein Hängenbleiben am Mobiliar eher unwahrscheinlich und in der Berechnung einer Schaden-Nutzen-Relation kaum nennenswert.
Dass eine Schleppleine nicht nur kontrollierende Aspekte sondern auch eine durchaus stimulierende und somit motivierende Verhaltens-Steuerung bewirken kann, wissen immer noch sehr wenige Hundebesitzer. Mittlerweile aber erobert sich die Schleppleine als Hilfsmittel zur Steigerung von erwünschtem Verhalten bei Dienst- und Rettungshunden aber auch in der Verhaltenstherapie bei ängstlichen und unsicheren Hunden eine immer stärker werdende Position. Getreu nach dem Motto – Wehren fördert das Begehren – können mit entsprechendem Fingerspitzengefühl Erfolge in der Konditionierung oder auch in der Angst-Therapie erheblich beschleunigt werden. Auch dazu später mehr.
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