Erziehung
Teil 4 von 5
Die SCHLEPPLEINE Top-Tool für Verhaltens-Training
Autor: Thomas Baumann
Schleppleinen-Training bei Jagdverhalten
Zunächst ist festzuhalten, dass die wenigsten Hunde, die zum Leidwesen ihrer Besitzer Wild oder andere Tiere jagen, tatsächlich Jäger sind. Aus persönlicher, langjähriger Erfahrung mit jagenden Hunden schätze ich nur zirka zehn Prozent der mir als problematische Jäger vorgestellten Hunde als wirkliche Jäger ein.
Damit bleiben neunzig Prozent meist unausgelasteter Pseudo-Jäger übrig. Bei diesen Hunden ist der anonyme Einsatz der Schleppleine, verbunden mit besseren Auslastungsmodellen, besonders wirkungsvoll. Die Pseudo-Jäger jagen nur deshalb, weil ihnen keine vergleichbaren oder gar besseren Alternativen angeboten werden.
Der echte Jäger hingegen wird – weil fast immer genetisch besonders veranlagt – keine Alternativen annehmen, weshalb hier das Training individuell und damit spezifisch abgestimmt werden muss.
Ein Hund, der sich durch ein Würstchen vom Jagen abhalten lässt ist deshalb im Höchstfall ein unausgelasteter Pseudo-Jäger, dessen Leidenschaften mit den Gelüsten des echten Jägers nicht annähernd vergleichbar sind. Der echte Jäger ist im Bezug auf die Endhandlung (Erlegen der Beute) wesentlich stärker in seinem Handeln motiviert, als Artgenossen, die einfach nur gerne (hinterher-)laufen.
Die von mir so genannten Pseudo-Jäger werden im Training gezielt an der Schleppleine an Wild – oder andere Beutebereiche herangeführt und bei erfolgter Witterungs- oder Sichtaufnahme fast ausnahmslos über das anonyme Schleppleinen-Training (verunsicherndes Impuls-Training) zu Verhaltensabbrüchen bewegt. Dabei muss sich allerdings der übende Hundebesitzer oder auch der anleitende Hundetrainer sicher sein, dass sich der Vierbeiner tatsächlich auch einer Wildfährte befindet. Zeitgleich sollte mit dem auslastenden Alternativ-Training (beste Beispiele: Futterbeutel oder Zielobjektsuche) begonnen werden.
Bei den bereits erwähnten echten Jägern stoßen wir auf das Problem, dass es aus Sicht des Hundes definitiv keine nennenswerten Alternativ-Modelle zum Jagen gibt. Da helfen auch keine Würstchen, die auf einem präparierten Spazierweg irgendwo an Büschen oder Bäumen hängen. Bei aller Attraktivität von Würstchen. Bei einem echten Jäger unter den Hunden können Sie anstelle Würstchen auch ausgediente Schnürsenkel oder Lametta anbieten. Die Wirkung ist dieselbe, nämlich keine.
Wenn die Erregungsprozesse durch jagdbares Wild erst einmal in Gang kommen, können den Vierbeiner nur noch sehr unangenehme bis hin zu schmerzhaften Reizen von seiner Leidenschaft abhalten. In diesen (Ausnahme-)Fällen spricht nichts gegen den vorübergehenden fachmännischen Einsatz eines Krallenhalsbandes (im Volksmund Stachelhalsband). Wer dabei tierschutzrechtliche Bedenken anmelden sollte, dem sei gesagt, dass Tierschutz nicht nur für unsere Hunde eine berechtigte Gültigkeit hat. Auch Hasen, Katzen und Rehe sind schützenswerte Geschöpfe, was leider viel zu häufig außer acht gelassen wird.
Haus-Schleppleine führt zu besserer Koordination
Dieser verlängerte erzieherische Arm hat meist innerhalb weniger Tage den Erfolg, dass zwischen Zwei- und Vierbeiner kein Katz- und Mausspiel mehr stattfindet, indem der Besitzer seinem Hund nachläuft, um ihn festzuhalten oder in irgendeiner Form zu regulieren.
Jeder Hundehalter, der im häuslichen Bereich Korrektur-Bedarf sieht, seinen Vierbeiner allerdings nie richtig zu fassen kriegt, neigt sehr schnell auch mal zu emotionalen Entgleisungen. Die neue autoritäre Macht über die Haus-Schleppleine kann in der Lebensgemeinschaft Mensch-Hund, da wo nötig, sehr schnell einen wesentlich konsequenteren und vor allem ruhigeren Umgang bewirken.
Die Schleppleine als motivierendes Werkzeug
Die meisten Hundebesitzer kennen die Schleppleine nur als Hilfsmittel, das zum Rückruf oder ganz einfach zur besseren Verhaltenskontrolle eingesetzt wird. Die wenigsten wissen, dass die Schleppleine in der modernen Konditionierung von Dienst- Sport- und Rettungshunden oder auch beim Angstabbau von sehr unsicheren Hunden äußerst stimulierend und somit motivierend eingesetzt werden kann.
Soll beispielsweise ein Welpe oder Junghund später einmal als Rettungshund eingesetzt werden, muss der soziale Kontakt oder noch besser, die soziale Neugierde, gegenüber fremden Menschen wesentlich mehr gefördert werden, als bei einem normalen Familienhund.
Wird der Welpe im ersten Training einfach immer nur zu versteckten Personen frei hingelassen, um einen motivierenden Kontakt zu erleben, entwickelt sich dieser Welpe nie so dynamisch und stark, wie ein anderer Welpe der durch den Einsatz einer Schleppleine am Geschirr sanft auf seinem Weg zum Versteck gebremst wird. Vereinfacht dargestellt: ein Schwimmen gegen den Strom ist wesentlich energie- und leistungsfördernder als ein permanentes sich treiben lassen.
Durch ein sanftes Bremsen soll der Weg des Hundes schwieriger aber keinesfalls verhindert werden. Die aufzuwendende muskuläre Energie verläuft erfahrungsgemäß parallel zur geistigen oder auch trieblichen Energie. Ein erkämpfter Erfolg ist immer effektiver und nachhaltiger, als ein einfacher Erfolg.
Diese Formel trifft leider für viele Hundehalter beim täglichen Leinenspaziergang, verbunden mit Hundebegegnungen zu. Auch hier wirkt sich das durch die Leine nicht korrigierte sondern nur gebremste Verhalten auf unerwünschte Handlungen nicht hemmend sondern motivierend aus. In der Angst-Therapie sind ebenfalls minimal dosierte Bremsen an der Schleppleine äußerst erfolgsfördernd. Befindet sich ein sozial ängstlicher Hund im Futterkreis, wird die Koordination durch den Besitzer aus der Kreismitte heraus durchgeführt. Die Leine strafft sich leicht, während sich der unsichere Hund den im Umfeld befindlichen Personen (Konfliktherde) nähert. Dort angekommen, findet er in der Hand der Personen Leckerli. Noch während dem Fressen zieht der Hundebesitzer seinen Vierbeiner wieder sanft weg (wehren fördert das Begehren) und koordiniert dabei seinen Hund bereits wieder zur nächsten Person.
Achtung! Jeder Impuls oder Ruck an der Leine kann die zuvor herausgearbeiteten Therapie-Erfolge mit einem Schlag zunichte machen. Aus diesem Grund können zur Sicherheit auch Leinen mit einem höheren Gummianteil verwendet werden, damit der Dehnfaktor vergrößert wird.
Risiken im Umgang mit der Schleppleine
Den Beitrag abschließend müssen wir uns auf alle Fälle noch mit den unbestreitbaren Risiken beim Einsatz der Schleppleine befassen. Besonders die Verletzungsrisiken bei Mensch und Hund, kommen sie auch vergleichsweise selten vor, können im Einzelfall folgenreich verlaufen.
Die meisten mir persönlich bekannten Verletzungen bei Hundebesitzern sind Schürf- beziehungsweise Brandwunden in den Handinnenflächen. Beim Versuch, den losstürmenden Hund festzuhalten, kann die Leine mit schmerzhaften Folgen durch die Hand gezogen werden. Aus diesem Grund machen manche Hundebesitzer in einem jeweiligen Abstand von einem Meter einfache Knoten in die Leine, die ein Durchrutschen verhindern. Auch das Überziehen leichter Fahrrad-Handschuhe schützt vor Schürfverletzungen.
Besonders kritisch kann es werden, wenn sich bei einem plötzlichen Losstürmen des Hundes die Schleppleine um die Beine des Zweibeiners wickelt und diesen zu Fall bringt. Zerrungen, Schürfungen, Verstauchungen und schlimmstenfalls Brüche oder gar Kopfverletzungen nach Stürzen können die seltene Folge sein.
Die Risiken für den Hund betreffen neben ungewollten Blockaden durch Hängenbleiben an Steinen oder an Gestrüpp auch Verletzungen (Stauchungen, Zerrungen) an Gliedmaßen und an der Halswirbelsäule. Mir ist ein einziger spektakulärer Fall bekannt, bei dem ein Golden Retriever mit (oder trotz) Schleppleine Rehwild verfolgt hatte. 2 Tage später wurde er – Gott sei Dank unversehrt – in einem Waldstück wieder aufgefunden. Die Schleppleine hatte sich unglücklich mehrfach um einen Baum gewickelt und der Hund kam mit eigenen Anstrengungen nicht mehr frei.
Zum Teil tragen aber auch Hundetrainer zu einem hohen Verletzungsrisiko bei, wenn sie, wie in bereits mehreren Fällen bekannt geworden, die Schleppleine am Kopfhalter (Halti) anbringen und den dann losstürmenden Hund auf fast zehn Meter Entfernung mittels Leine blockieren.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Risiken plötzlich auftretender Leinendefekte bleiben. Neben typischen Materialfehlern an Karabinern können auch Verschleißerscheinungen am Leinenmaterial entstehen, die bei einer Belastung zum Bruch der Schleppleine führen können.
Neben den genannten Verletzungsrisiken bei Mensch und Hund ist unbedingt zu beachten, dass der nicht fachmännische Einsatz der Schleppleine das Gegenteil von dem bewirken kann, was eigentlich gewollt ist: anstelle Verhaltensbesserung erfolgt dann meist eine Steigerung des unerwünschten, negativen Verhaltens.
Trotz aller bekannten Risiken beim Einsatz der Schleppleine überwiegen die Vorteile mehr als eindeutig. Zumal die täglichen Risiken beim Spaziergang für einen nicht zuverlässig folgenden Hund weitaus größer sind als bei der Verwendung einer Schleppleine.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrem Vierbeiner im Falle eines künftigen Schleppleinen-Gebrauchs ein optimales Gelingen.
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