Erziehung
Leinenführigkeit – das ewige Thema
Autor: Sabine Giesen, Hundeschule Hundesache
Kaum ein Erziehungsproblem, das derart zu fortwährendem Ärger bei den Hundebesitzern führt, wird dermaßen viel diskutiert wie das leidige Thema der Leinenführigkeit. Leinenführigkeitskurse gehören mittlerweile zum Standardprogramm jeder Hundeschule, der Handel bietet ein schier unüberschaubares Sortiment an Hilfsmitteln an!
Aber ist es tatsächlich notwendig, das technische Equipment in dem Maße aufzurüsten?
Oder sogar mit tierschutzrechtlich fragwürdigen Accessoires wie dem Stachelwürger arbeiten zu müssen, um der „Zugmaschine“ Hund etwas entgegensetzen zu können?
Lassen Sie uns das Thema einmal etwas näher beleuchten:
Wenn wir uns die Hunde anschauen, die permanent an der Leine ziehen, stellen wir fest, dass wir es hier nicht einfach mit einem bestimmten Typ Hund zu tun haben. Es gibt junge und alte, temperamentvolle und ruhige, schlecht aber auch ansonsten ausgesprochen gut erzogene Exemplare.
Die Problematik steigt auch nicht mit der Pubertät oder anderen Phasen wie Läufigkeiten oder ähnliches an. Es lassen sich aber zwei Kategorien von Leinenziehern feststellen: den „Dauerzieher“ und den Hund, der nur in bestimmten Situationen zieht (z.b. wenn andere Hunde entgegenkommen, wenn er Wild in der Nase hat o.ä.) und ansonsten eigentlich leinenführig ist.
Wenn wir uns das Leinengehen eines Hundes ansehen, stellen wir fest, dass es wenig mit seinem natürlichen Bewegungsmuster zu tun hat. Sowohl hinsichtlich Tempo wie auch der Richtung muss sich der Hund komplett an unsere Vorgaben anpassen. Je kürzer dabei die Leine desto erheblicher ist die Einschränkung, die der Hund hinzunehmen hat!
Im Gegensatz zur Fußarbeit im Hundesport, die auch bei Leinenziehern oft - anscheinend widersprüchlicherweise - sehr gut funktioniert, ist der Focus des Hundes im Alltag nicht primär auf den Hundehalter gerichtet sondern auf die Außenwelt. Durch die Einschränkung des Bewegungsspielraumes an der Leine bleibt sein natürliches Bedürfnis, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, häufig unbefriedigt. Leinengehen ist also für den Hund komplett unnatürlich.
Aber es klappt doch bei vielen auch sehr gut! Was machen die anders?
Jeder Hund wird Strategien ergreifen, um seine Bedürfnisse, hier nach freier eigenbestimmter Bewegung oder auch nur schnell zu Punkt X zu kommen, zu befriedigen. Und er wird über Versuch und Irrtum schnell lernen, welcher Weg ihm aus seiner Sicht Erfolg bringt.
Hier wird für den Hundehalter die Lernpsychologie zur Falle: Der Hund, der glaubt, er habe durch Ziehen an der Leine sein Ziel erreicht, nämlich zu Punkt X zu gelangen, wird dies immer wieder versuchen! Der Hund, der ab und zu damit Erfolg hat, befindet sich im Bereich der variablen Konditionierung, die sich motivationssteigernd auswirkt (Spielautomatenprinzip)! Hat der Hund dann seinen zielpunkt erreicht, hört meist dann auch der Zug an der Leine auf, was den Hund nochmals für sein Vorgehen bestätigt. Letztlich trainiert man seinem Hund also das Leinenziehen regelrecht an!
Was heißt das alles jetzt für den Hundehalter? Er muss zwei Aspekte im Auge halten:
- der Hund darf nie mit Ziehen an sein Ziel kommen, dabei ist die Sichtweise des Hundes zu beachten. Dies erfordert vom Hundehalter hundertprozentige Konzentration und Konsequenz! Da kann es eben auch einmal etwas länger dauern, bis man an der Freilaufwiese ankommt!
- Der Focus des Hundes ist weg von der Umwelt und hin zu seinem Hundeführer umzulenken! Hier sind grundsätzliche Flexibilität und Führungskompetenz gefragt sowie ein gutes Timing im Lob und erst recht in der Korrektur!
Aber wie sieht das nun praktisch aus? Nachfolgend nun einige bewährte Strategien, wobei bei jedem Hund ein individueller Lösungsweg gefunden werden muss. Vielleicht hilft Ihnen beim Üben die Vorstellung, dass Ihr Hund nicht lernen soll, an der Leine zu gehen sondern nur, nicht an der Leine zu ziehen!
- Üben Sie anfangs ruhig an etwas längerer Leine (ca. 3m) und mit nur wenig Ablenkung. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für ein Lernen durch positive Verstärkung.
- Stellen Sie das Führsystem vollkommen um. Wenn Sie bisher ein Geschirr benutzt haben, wechseln Sie auf ein Halsband und umgekehrt. Ihr Hund wird dann nicht so schnell in sein gewohntes Verhaltensmuster fallen.
- Bei Hunden, denen man manchmal das Ziehen erlauben will, sollten Sie dual führen also z.b. mit Halsband und Geschirr. An dem einen darf der Hund ziehen, an dem anderen nicht!
- Evtl. ist die duale Führweise mit Kopfhalfter (Halti) für Sie der richtige Weg. Den korrekten Haltigebrauch sollten Sie sich aber unbedingt von einem Fachmann zeigen lassen!
- Reagieren Sie auf jeden Zug an der Leine. Es darf für den Hund erst weiter gehen, wenn der Zug an der Leine aufgehört hat.
- Belohnen Sie anfangs jeden Blickkontakt Ihres Hundes zu Ihnen!
- Werden Sie insgesamt für den Hund unberechenbarer. Weichen sie von eingefahrenen Ritualen ab und überraschen sie Ihren Hund. Je vorhersehbarer Ihr Verhalten für Ihren Hund ist desto weniger muss er auf Sie achten!
- Bewährt haben sich ständige Richtungswechsel, Spaziergänge in unbekanntem Terrain und Schleppleinentraining.
- Sprechen Sie Ihren Hund vorwiegend an, wenn er es richtig macht. Viele Leute reden nur während der Korrektur und "belohnen" ihren Hund so unbewußt für seine Fehler mit sozialem Kontakt.
Leinenführigkeit ist sicher keine Hexerei, aber sie stellt doch auch einiges an Anforderungen an den Hundehalter. Ist jedoch die grundsätzliche Bereitschaft vorhanden, das Problem ernsthaft anzugehen, so sollte der Erfolg auch nicht lange auf sich warten lassen!
Sabine Giesen – Hundeschule Hundesache
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