Erziehung

Kontrolle von jagdlich motivierten Hunden -
Grenzen und Möglichkeiten

Autor: Evelyn Kuhn mit freundlicher Unterstützung von Frauke Burkhardt, Hundeferien-Rheingau-Taunus

Hunde riechen besser als Menschen, sehen anders und hören besser als wir. Räumliches Riechen, die Wahrnehmung minimalster Abstände zwischen zwei Geräuschquellen und die Fähigkeit, stillstehende Objekte vor einem stillstehenden Hintergrund aus dem Sichtfeld auszublenden sind nur einige der erstaunlichen Leistungen der Sinnesorgane eines Hundes.

Ihr Zusammenwirken kann besonders in den verschiedenen Sequenzen der Jagd sehr gut beobachtet werden, denn die Sinnesorgane spielen beim Hund als Beutejäger in ihrer Gesamtheit eine wichtige Rolle.

Am Anfang, in der sogenannten ungerichteten Suchphase, sind alle Sinnesorgane gleichmässig aktiv. Der Hund kann nämlich nicht wissen, ob er das Beutetier zuerst sehen, hören oder riechen kann. In dieser Phase ist der Hund von seinem Besitzer ansprechbar und abrufbar. In der gerichteten Jagdphase ändert sich das aber. Informationen werden nun von einem Sinnesorgan an das andere weiter gegeben. Der Hund ist auf einen Sinneskanal fixiert, da jedes Mal, wenn ein neues Sinnesorgan die Führung übernimmt, dadurch die vorangehenden Elemente gebremst und gehemmt und die nachfolgenden Bestandteile der Beutefangkette erleichtert werden. Dadurch hat der Mensch nun nicht mehr die Möglichkeit, in die Aktion einzuwirken. Soweit die wissenschaftlich nachgewiesene Theorie.

Ein Kaninchen schreckt auf

Nun schreckt während des Spaziergangs mit dem Familienhund ein Kaninchen auf. Ob das Tier nun vom Hund gejagt wird kommt darauf an, ob dieser überhaupt jagdlich motiviert ist. Es gibt Hunde, die aufgeschrecktes Wild nicht interessiert. Oder Hunde typischer Apportierrassen wie Retriever, die sich schon aus rein rassemäßiger Ausrichtung leicht zurückrufen lassen oder einem Tier erst gar nicht ohne das "ok" des Menschen nachhetzen.
Falls der betreffende Familienhund nun aber jagdlich motiviert sein sollte, nimmt er das Kaninchen in diesem Moment optisch wahr und setzt zur Jagd an. Er ist ab diesem Augenblick völlig auf das Tier fixiert. Ob sich dieser in der gerichteten Jagdphase befindliche Hund jetzt von seinem Besitzer zurückrufen lassen wird oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Botenstoffe steigern das Glücksgefühl

Ist der Hund bereits  rassemäßig auf die selbstständige Jagd ausgerichtet? Viele jagdliche Eigenschaften eines Hundes (Jagdtrieb, Vorstehen, Spurlaut, Wildschärfe etc.) sind bereits als Anlagen vorhanden. Bei einigen Rassen sind diese durch Selektion mehr oder weniger stark ausgebildet. Aus der Relevanz der Wechselwirkung mit der Stärke der Motivation zur Jagd  erschließt sich auch die Frage, wie hoch diese beim betreffenden Hund ist. Denn während der Sequenz des Hetzens werden Botenstoffe frei gesetzt, die das Glücksgefühl des Hundes steigern. Dabei gilt, je höher der Botenstoff-Ausstoß ist, deste größer ist das Glücksgefühl. Darum kann die Hatz als eine selbstbelohnende Handlung angesehen werden – der Hund bespaßt sich quasi in erster Linie selbst und würde nur dann zu seinem Besitzer zurückkehren, wenn dieser ein offenes Aufmerksamkeitsfenster erwischt oder aber dem Hund "die Puste ausgeht". Darum wird ein Hund, der die Erfahrung der "Selbstbespaßung" schon gemacht hat, immer wieder die Sequenz des Hetzens und Jagens bewußt suchen. Je mehr Spaß der Hund hat, desto weniger wird er von der Handlung abrufbar sein – bis hin zu einer Art Rausch, in der eine Abrufbarkeit schlichtweg nicht möglich ist. Dies spielt beispielsweise eine große Rolle bei der Treib- und Drückjagd. Erfahrene Jagdhunde sind eigenständig unterwegs und während der aktiven Jagdzeit selten ansprechbar. Bei einer Jagd mit einer Terriermeute geht es den Terrierführern aber auch nicht darum, ihre Hunde abrufen zu können – hier sind die Prioritäten schlichtweg verlagert. Diese Eigenständigkeit – bei der von Kontrolle keine Rede sein kann – ist gewollt und bei vielen Rassen schon veranlagt – und darum auch dem Familienhund der betreffenden Rasse/n schwerlich abzutrainieren.

Dabei sind Terrier nur ein Beispiel vieler Jagdhundrassen, deren Veranlagung eine selbstständige Entscheidung und Handlung auch bei nicht gewolltem Jagdverhalten nach sich zieht. Diese Hunde werden nur schwerlich auf ein Abbruchsignal reagieren. Natürlich kann einem Hund das automatische Ablegen auf Kommando antrainiert werden. Dies erfordert viel Training, Geduld und Fleiß – ist aber nicht bei allen Hunden effektiv. Es gibt auch Hunde, die trotz exzellenten Trainings und Gehorsams aufgeschrecktem Wild hinterher jagen und in dieser Situation nicht abrufbar sind – weil sie dem auslösenden Reiz im wahrsten Sinne des Wortes nicht widerstehen können. Und bei einem solchen Hund hilft auch jegliches Anti-Jagdtraining nicht.

Es gibt selbstverständliche auch "harte" Methoden, durch die ein Gehorsam erzwungen werden soll. Beispielsweise die in Deutschland tierschutzwidrigen Elektro-Geräte, die durch das Auslösen des Schmerzreizes einen Abbruch der Hatz bewirken sollen. Viele Jagdhunde werden von klein auf von ihren Besitzern an ein solches E-Gerät gewöhnt, um es später einsetzen zu können. Eine Garantie für den Erfolg dieser Methode ist aber nicht gegeben. Es gibt auch Hunde, bei denen bewirken diese Geräte genau das Gegenteil. Sie wirken motivierend auf sie, denn unter anderem wird die Motivation noch verstärkt, die Beute dann bei der nächsten Hatz zu erwischen. Und würde Strom funktionieren, hätten gerade Jäger die besten Hunde am Start – und das ist oft nicht der Fall. Denn viele Hunde von Jägern, die eigentlich in jeder Situation abrufbar sein sollten, sind oft noch viel schlechter zu beeinflußen als die Hunde anderer Gruppen von Hundehaltern. Der Jäger belohnt seinen Hund für das Wegrennen und Stöbern, also warum sollte der Hund das Verhalten einstellen, wenn er auf einmal das Stromgerät umhängen hat? Was interessiert den Jagdterrier Strom, wenn ihn der bissige Fuchs im dunklen Bau nicht stört? Wenn ein Hund hoch motiviert nur auf die Jagd aus ist und trotz körperlicher Schmerzen sein Verhalten nicht ändert, dann wird es mit oder ohne Strom oder Leckerchen auch nicht funktionieren, den Hund vom Jagen abzubringen. Dies ist Erfahrung aus der Praxis und selbst von Jägern und Trainern bestätigt. Es ist nicht einmal bei trainierten Hunden gesagt, dass sie sich in allen Situationen abrufen lassen. Und wenn ein Hund nun doch durch einen Sprayer oder durch Strom vom Jagen abgehalten werden kann, dann ist fast zu behaupten, dass dieser auch ohne diese "Hilfsmittel" mit präventivem Verhalten des Besitzers zu kontrollieren wäre.

Vorausschauendes Verhalten

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass es ein Patentrezept zum Rückruf aller Hunde einfach nicht gibt. Quasi möchte man hier dann erst eingreifen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Es gibt aber zu viele Faktoren, die eine Rolle spielen und Einfluß darauf nehmen, ob ein jagdlich motivierter Hund in der Jagdphase, der völlig auf einen Sinneskanal fixiert ist, abrufbar sein wird oder nicht. Ein verantwortungsbewußter Hundebesitzer sollte also die Problematik rechtzeitig erkennen und in kritischen, d.h. wildreichen Gegenden, vorausschauendes Verhaltensmanagement betreiben. Das heißt - frühzeitiges Erkennen einer Situation zum rechtzeitigen Eingreifen zum Vermeiden eben dieser.