Erziehung

Ausbildung oder Erziehung

Autor: Hajo Czirski mit Beiträgen von Th. Baumann und PD Dr. U. Gansloßer
Schlußredaktion S. Strodtbeck

Immer wieder kann man in den verschiedenen Artikeln von Ausbildung und Erziehung lesen. Leider werden die Begriffe dabei teilweise willkürlich verwendet, nur weil beide das "Lernen" betreffen. Ich werde zur besseren Lesbarkeit so weit wie möglich auf die Verwendung von Fachbegriffen verzichten, auch wenn ich damit Gefahr laufe, evtl. ein bisschen ungenauer zu werden.

Zur Klärung dieser Unterschiede müssen erst einmal die Begriffe definiert werden:

Ausbildung ist die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die auf einen bestimmten Lerninhalt vorbereiten. Also etwas, was vorher nicht gekonnt wurde.
Beispiel: Der Hund soll lernen, auf ein Hör-, Sicht- oder sonstiges Zeichen eine Handlung auszuführen.
Begriffsverwendung z.B. bei der Rettungshundeausbildung.

Erziehung bezeichnet eine Interaktion, bei der der Erziehende versucht, bei dem zu Erziehenden ein von ihm oder gesellschaftlich erwünschtes Verhalten, bzw. gewünschte Einstellung zu erzeugen, zu bestärken und zu bewahren.
Beispiel: Der Hund soll lernen, "stubenrein" zu werden. Dieses soll der Hund später aus eigenem Antrieb ohne Fremdbeeinflussung machen.
Begriffsverwendung z.B. bei der Familienhundeerziehung.

Ausbildung

Wenn nun also immer wieder gewaltfreie Ausbildung gefordert wird, so liegt die Ursache in den biologischen Abläufen im Körper des Lernenden. Lernen kann nur, wer geistig dazu in der Lage ist, bestimmte Abfolgen miteinander gedanklich zu verknüpfen. Wird beim Lernen jedoch extremer Stress oder Angst erzeugt, so wird vom Körper Adrenalin und Noradrenalin produziert. Adrenalin bewirkt zwar eine physische Leistungssteigerung (Steigerung der Blutversorgung der Muskeln), jedoch wird unter dem Einfluss des Cortisols sowohl der Zugriff auf das Gedächtnis (also auf schon Gelerntes), als auch die Neuabspeicherung von neuem Lernstoff behindert. Daraus ergibt sich, dass es für die Ausbildung grundsätzlich kontraproduktiv ist, wenn diese unter extremem Stress oder gar unter Angst durchgeführt wird. Sie muss daher immer in angstfreier Umgebung mit zu bewältigendem Stresslevel begonnen werden. Zur Festigung des Lernerfolges sollten dann jedoch auch die stresssteigernden Belastungen erhöht werden. Zu schnelles Steigern führt in der Hundeschule aber häufig zu der Aussage „Zu Hause kann er es aber“ – was ja auch richtig ist.

Mit der gewaltfreien Ausbildung ist der Begriff „positive Verstärkung“ inzwischen untrennbar verbunden. Leider wird auch hier nicht genau auf den Begriff und die Bedeutung eingegangen.
Es soll also „positiv verstärkt“ werden. Wenn man dieses jedoch beabsichtigt, muss man sich erst einmal Gedanken darüber machen, was genau in diesem Moment für den „Auszubildenden“ (=Hund) positiv ist. Denn ausschlaggebend ist, was von ihm als positiv empfunden wird. Das kann von Ausbildungssituation zu Ausbildungssituation absolut unterschiedlich sein. Was könnte überhaupt alles als positiv empfunden werden? Leckerli, Streicheln und Loben fällt den meisten auf Anhieb ein – aber dann? Es kann jedoch in fast jedem Verhaltensbereich des Hundes erfolgen. Als positiv wird jedoch nur die Belohnung empfunden, die auch in dem Bereich erfolgt, der vorher angesprochen („ausgelöst“) wurde, dessen Appetenz vorhanden ist.

Beispiel: Wenn die Nahrungsaufnahme angesprochen wird, dann wird Streicheln grundsätzlich nicht als Belohnung / positiv empfunden.

Diese unterschiedlichen Endhandlungen (Appetenzbefriedigung) führen zu einem der häufigsten Fehler bei der Ausbildung von Hunden.

Praxisbeispiel: Der Hund befindet sich in der Nähe des Besitzers. Ein Gegenstand wird weggeworfen (Element „Verfolgen“ des Jagdverhaltens wird ausgelöst). Der Hund rennt freudig hinterher und nimmt den Gegenstand auf (Element wechselt in „Greifen“ der Beute). Nun lockt der Besitzer mit Leckerli (Auslösung des Nahrungsaufnahmeverhaltens). Der Hund lässt die Beute fallen und kommt, um die Nahrungsaufnahme zu befriedigen. Der Besitzer gibt aber nun nicht das Leckerli, weil der Hund den Gegenstand hat fallen lassen. Was wird der Hund nach einigen Versuchen machen? Er kommt nicht mehr, sondern beschäftigt sich mit der Beute. Oder, wenn der Hund intelligent ist, wird er nach einigen Versuchen nicht mehr loslaufen, weil es nachher die Belohnung beim Besitzer gibt.
Wobei es natürlich unerlässlich für die Appetenz ist, dass es sich wirklich um ein erstrebenswertes Ziel handelt. Einen Hund, dem z.B. ständig ausreichend Futter zur Verfügung steht, wird man mit Futter nicht locken können.
Entscheidend für den Erfolg der Ausbildung ist, dass der Hund Verknüpfungen bildet.

Beispiel: Der Hund sitzt bereits, das Hörzeichen „Sitz“ kommt, Belohnung folgt anfangs sofort, wobei nach herkömmlicher Theorie der operanten Konditionierung die letzten beiden Teile innerhalb von max. 2 Sekunden erfolgen müssen. Wenn man dieses häufig genug unter unterschiedlichen Begleitumständen geübt hat, dann wird der Hund bei dem Hörzeichen „Sitz“ die Sitzposition einnehmen, um die Belohnung zu bekommen – denn alles drei wurde miteinander verknüpft.

Lernen basiert aber nicht nur auf der traditionellen Konditionierungslehre. Auch Nachahmung gehört dazu. Freilandbeobachtung in sozialen Situationen, aber auch Versuche zu Nachahmungslernen zeigen, dass weit längere Zeiträume als die oben genannten 2 Sekunden möglich sind. Eine Trennung zwischen Konditionierung und Nachahmungslernen ist aufgrund der zeitgleich gegebenen sozialen Impulse (verbale und nonverbale Signale/Informationen) nicht immer möglich.

Bei Ausbildungsvorhaben, die vom Hund nicht freiwillig angeboten werden (wie z.B. das „Sitz“), ist darauf zu achten, dass diese ohne negativ empfundene Körperkontakte stattfinden. Hier sind alle Verhaltensweisen, die in die richtige Richtung führen, zu belohnen (Shaping). Dabei wird der Belohnungszeitpunkt immer weiter Richtung Ziel verschoben. Die Arbeit mit dem Clicker hat sich wegen der Präzision des Belohnungszeitpunktes als sehr gut erwiesen.

Ein Hund, der ausschließlich mit diesem System ausgebildet wurde, wird zwar in der Anfangszeit möglicherweise ein bisschen langsamer lernen, wenn er jedoch gelernt hat zu lernen, wird er diese Zeit schnell wieder aufholen, da es keine Handlungen gibt, die er nicht machen darf, sondern es gibt nur Tätigkeiten, die nicht zur Belohnung führen. Er wird also andere ausprobieren, damit er die angestrebte Belohnung erhält.

Wie verhält es sich jedoch, wenn der Hund sich die Belohnung selbst holt, weil er gelernt hat, dass er alles versuchen kann, was zum Erfolg führt, er nun aber nicht die Torte vom Tisch holen soll?
Hier sind dann die Grenzen der positiven Einflussnahme bei der Ausbildung deutlich zu erkennen. Bei unerwünschten, jedoch immer wieder gezeigten Verhaltensweisen, sind die Ursachen des Verhaltens zu ergründen. Wenn man diese Ursachen beeinflussen kann, dann unterbleibt regelmäßig auch die Verhaltensweise. Eine Beeinflussung ist auch durch Umlenkung dieses Verhaltens mit „höherwertigen“ Verhaltensmustern möglich. Diese Möglichkeit (= Ablenkung) setzt jedoch grundsätzlich die Anwesenheit des Menschen voraus.
Eine anhaltend korrigierende Einflussnahme auf das unerwünschte Verhalten (= Unterlassen der Handlung) durch Erziehung ist jedoch erfolgversprechender.

Erziehung

Erziehung findet nicht nur zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Hund, sondern auch zwischen Hund und Hund statt.
Dabei sind folgende Zahlen (Quelle nicht mehr bekannt) aus der Erziehung der Tiere untereinander interessant:

90 % aller Erziehungsmaßnahmen erfolgen über positive Einwirkungen. Die restlichen 10 % (= negativen Einwirkungen), teilen sich in 7% ohne Körperkontakt (Beispiel: Fixieren, Bewegungseinschränkungen bis Drohschnappen) und 3% mit Körperkontakt (Berührung bis Beschädigungsbeißen) auf. Wir als Menschen begeben uns also mit dem von uns gewollten Korrekturmaßnahmen an der Leine, denn das ist ein Körperkontakt, sofort an die Spitze der Einflussmaßnahmen. Wo bleiben aber die anderen 97%?

Muss der Hund nicht das Vertrauen an uns als Führer verlieren, der so schnell bei dem Maximum einer Maßnahme ankommt?
Auch Erziehung ist anfangs Lernen von gewünschtem gesellschaftlichen Verhalten / Einstellungen (im Gegensatz zum allgemeinen Ausbildung, wo es spezifische Handlungen sind) und daher den gleichen Regeln wie die Ausbildung unterworfen. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem man feststellt, dass der Hund nicht will – weil er gerade andere Interessen hat. Hier setzt nun die Erziehung ein. Um richtig erziehen zu können, muss man sich erst einmal darüber im Klaren sein, warum ein Hund in dieser Situation dieses Verhalten zeigt. Warum zieht ein Hund an der Leine? Warum geht er nicht ruhig (wie viele andere Hunde) neben einem her? Warum springt er jemanden an? Warum läuft er Joggern hinterher? Die Liste der Fragen ließe sich endlos fortsetzen.

Alles sind natürliche Verhaltensweisen von Hunden. Sie laufen im Rudel nicht ausschließlich nebeneinander her und sie kennen keine Leine. Wenn ein erwachsenes Tier ins Lager zurückkommt, wird es von den Welpen angesprungen und an den Maulwinkeln geleckt, um entweder bei dem Tier einen Würgereflex zur Futteraufnahme auszulösen oder einfach nur als freudiges, sozial gesteuertes Begrüßungsritual. Und sich bewegende Lebewesen / Gegenstände lösen Jagdverhalten aus.
Dieses natürliche Verhalten muss man erst einmal kennen, damit man sich über die Form der Beeinflussungsmöglichkeiten im Klaren wird.
Verhalten, das nicht ausgebildet wurde, wurde anerzogen oder ist erfolgsorientiert entstanden. Denn Verhalten, welches nicht zum Erfolg (oder zumindest zum Teilerfolg) führt, wird nicht weiter ausgeführt. Dieses wäre in den Augen des Hundes eine sinnlose Verschwendung von Energie. Wenn sich der Hund immer wieder Erfolgserlebnisse holt, dann kann es auch sein, dass man dieses mit aversiven Elementen (z.B. durch Führen oder Korrigieren an der Leine) unterbinden muss, um ihm klar zu machen, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert wird.

Aber bevor jetzt manche Menschen sagen: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass hier Gewalt propagiert wird“, möchte ich als Antwort geben: Bei mir gilt bereits das Ziehen an der Leine als Gewalt. Und ich versuche, mich an die obige prozentuale Verteilung der Erziehungsmaßnahmen zu halten. Beispielsweise 3% mit körperlicher Einwirkung (physische Gewalt), 7% psychische Gewalt durch Drohungen und Bewegungseinschränkungen, aber 90% meiner Maßnahmen sind positiv ausgelegt. (Die Prozentangaben sind natürlich nicht bindend, sollen nur ein Anhalt für die Relationen sein.)

Mein Hund weiß, wie ich re(a)giere und er kann gut damit leben. Er weiß, auf die Straße laufen, um zur Hündin auf die andere Straßenseite zu kommen, bedeutet Unannehmlichkeiten von hinten und er macht es nicht. Trotzdem sind es weniger Unannehmlichkeiten als anderen Hunden widerfahren, die, weil sie nicht erzogen wurden, auf die Straße laufen und überfahren werden.
An einem Praxisbeispiel „Leinenführigkeit“ (Ausbildung gem. VPG vs. Familienhundeerziehung) möchte ich die Unterschiede noch einmal aufzeigen:
Bei der Ausbildung nach VPG wird das Zeichen „Fuß“ gelehrt. Der Hund muss aufgrund des Signals „Fuß“ mit seiner Schulter auf Höhe des linken Beines des Hundeführers gehen. Ein Abweichen von dieser Position ist nicht erlaubt, bis das nächste Signal kommt. Der Hund reagiert auf Signale.

Bei der Erziehung möchte ich erreichen, dass der Hund z.B. ohne vorheriges Signal an durchhängender Leine geht. Was der Hund an der „durchhängenden“ Leine macht, ist fast vollkommen egal, sie darf nur nicht „straff“ werden. Die Leinenlänge bestimmt seinen Aktionsradius. Es ist seine Aufgabe, den Druck am Hals, und damit den Zug an der Leine, zu vermeiden. Und das alles ohne Zeichen. Weil es aus der Einstellung des Hundes heraus kommen soll. Er soll ein angenehmer Begleiter sein, auch ohne Korrekturen oder Einflussnahmen des Hundeführers.

Warum ist die Unterscheidung so wichtig?

Diese ergibt sich aus der Definition der Begriffe: Während Ausbildung durch jeden erfolgen kann, der das entsprechende  Wissen und Können hat, kann Erziehung nur dann erfolgreich sein, wenn die Fähigkeiten für die Ausbildung vorliegen und das Recht zum Erziehen auch von dem zu Erziehenden anerkannt wird. Ohne diese Anerkennung ist eine Erziehung dauerhaft nicht möglich.

Und zum Schluss:

Lernen ist bis zum Tod möglich – nur wer tot ist, kann nicht mehr lernen. Man möge bitte keinen älteren Individuen die Möglichkeit zum Lernen absprechen.
Erziehung wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger, da sich die bereits über lange Zeit eingeübten Verhaltensweisen sehr tief eingeprägt haben und nur entsprechend schwer zu korrigieren sind. Aber unmöglich ist auch das nicht. Nur eben schwieriger und langwieriger.