Erziehung

Drinnen Top, Draußen Flop

Autor: Thomas Baumann

Warum Mensch-Hund-Beziehungen beim Gassi-Gehen häufig leiden.

Wir Trainer hören vergleichsweise häufig irritierte Hundebesitzer, die sich wie folgt oder ähnlich beklagen: „Zu Hause ist unser Vierbeiner der bravste Hund der Welt. Freundlich, verschmust und im Verhalten ohne Makel. Doch kaum gehen wir Gassi, ist es vorbei mit der sonst so angenehmen Freundlichkeit. Er ist kaum noch ansprechbar und auf fast schon hektisch erscheinender Suche nach Artgenossen, Katzen und anderem Getier. Selbst Jogger und Radfahrer sind vor ihm nicht sicher, wobei er da allerdings nur spielen will“.

Unbestreitbar gibt es nahezu zahllose Familienhunde, die einen weitaus stärken Außen-Fokus haben, als hierzu im Vergleich den Innen-Fokus. Mit dem Außen-Fokus ist die Konzentration auf ablenkende Strukturen im Umweltbereich gemeint. Die sogenannten Außenreize erregen insbesondere den neugierigen und oder temperamentvollen Hund, wodurch zum Leidwesen der Besitzer der nach innen gerichtete Fokus (Innen-Fokus) und damit der Kontakt zum Zweibeiner stark eingeschränkt oder sogar komplett abgebrochen wird.

So vielfältig und individuell die Ursachen zu solch einem Problem auch sein mögen, stets gibt uns der phänotypische Charakter eines Hundes Hinweise auf die Frage nach dem Warum. Definieren wir den Begriff phänotypisch, so treffen wir auf die beiden wesentlichen Elemente Genetik und Umwelt. Das bedeutet, dass ein Hundebesitzer allein schon über genetisch vorgegebene Rassemerkmale starke Unterschiede in Neugierde (Exploration) und Temperament zwischen den verschiedenen Hunderassen erkennen wird. Es erscheinen beispielsweise Border Collie oder Malininois zeitweilig wie überdrehte Uhrwerke mit einem ausgesprochen hohen Anspruch an Auslastung und Beschäftigung. Hingegen empfinden trägere Rassen, wie häufig Bernhardiner oder Mops, das Bewegen der Gliedmaßen beim Spaziergang bereits als völlig zureichende körperliche Auslastung.

Doch da die meisten unserer Familienhunde eher von Natur aus bewegliche und vor allem in Kopf und Körper aktive und explorative Geschöpfe sind, müssen wir das zweite Element der phänotypischen Definition näher betrachten: die Umwelt. Der Hundebesitzer ist als wesentlichster Teil der sozialen Umwelt seines Hundes anzusehen. In diesem Fall durchaus vergleichbar mit einer Eltern-Kind-Beziehung steuert und koordiniert der Hundebesitzer die erzieherische Entwicklung und die daraus resultierenden Verhaltensweisen seines Vierbeiners.

Und genau an dieser Stelle unterliegen bereits Welpenbesitzer erschreckend häufig fatalen Irrtümern, wenn es um die Aufzucht heranwachsender Hunde geht. Meist völlig unbewusst tragen sie erheblich zu einem permanent wachsenden Außen-Fokus und einem immer mehr verloren gehenden Innen-Fokus ihres Hundes bei. Der Grund? Welpenaufzucht wird leider in unserer Mensch-Hund-Gesellschaft all zu häufig in freiheitliche Dimensionen gelenkt, die später oftmals nicht mehr steuerbar sind.

So soll es angeblich zur optimalen Entwicklung eines Hundes beitragen, ihn möglichst häufig und in möglichst vielen verschiedenen Umweltsituationen charakterlich zu stabilisieren. Dasselbe gilt in diesem Zusammenhang für soziale Gewöhnungs-Prozesse gegenüber Artgenossen und fremden Menschen. Da all die Erlebnisse mit Sozialpartnern (andere Hunde, fremde Menschen) stets positiv verlaufen sollen, wird alles dafür getan, dass der „Kleine“ sich in der großen weiten Welt immer wohlfühlt. Negative Einflüsse werden gemieden, positive Einflüsse verstärkt gefördert. Ergebnis: die Attraktivität der äußeren Welt des Hundes wird permanent erhöht, die Attraktivität in Gestalt des Hundebesitzers beginnt zu schwinden.

Ein völlig nachvollziehbarer Prozess, der übrigens dann noch durch häufige soziale Übersättigung im häuslichen Bereich verstärkt wird. Ein Beispiel hierzu, wie es dazu kommen kann, dass sich aus dem einst so lieben Labrador-Welpen binnen eines Jahres ein frustrierter und zeitweilig sogar aggressiver Sozialpartner Hund entwickeln kann:

Labrador-Welpe Benny ist zum Knuddeln. Alle haben ihn lieb! In den Welpengruppen ist er ein gern gesehener Gast mit vorbildlichem Sozialverhalten. Fremde Menschen – ob zu Hause oder unterwegs – begrüßt er stürmisch und diese ihn auch. Der kleine Westi der Nachbarin ist sein bester Spielkumpel und Frau Nachbarin hat auch immer ein Leckerli parat, wenn Benny mal zu ihr kommt. Damit die soziale Entwicklung optimal klappt, bekommen auch immer wieder fremde Personen von Frauchen ein Leckerli. Das geben sie ihm dann, wenn er zu ihnen gelaufen kommt. Ein scheinbar vorbildlicher Hundecharakter entwickelt sich.

4 Monate später: Benny wiegt fast schon 20 Kilogramm und Frau Nachbarin meint, dass sich ihr Westi aufgrund Bennys ungestümen Verhaltens nicht mehr so wohl fühlt. Und außerdem wäre es ihr ganz recht, wenn Benny nicht mehr so toll an ihr hochspringt. Ist doch schon ganz schön groß geworden, ...der Kleine. Auch die Besucher im Haus und die Fremdpersonen auf der Straße fangen langsam an, immer mehr zu nörgeln, wenn der aufdringliche Benny kommt. Hinzu kommt sein ungestümer Umgang mit Artgenossen. Völlig überdreht versucht er, mit jedem Hund, den er irgendwo erblickt, Kontakt aufzunehmen und mit ihm zu spielen. Doch jetzt, wo er nicht mehr in die Welpengruppe kann, werden die Kontakte zu anderen Hunden leider immer weniger.

Bennys Frauchen kommt nicht umhin, Benny mehr als früher an der Leine zu führen. Alle, die Nachbarin, Besucher und die Leute auf der Straße danken Bennys Frauchen für ihr Verantwortungsgefühl. Und Benny? Der verhält sich irgendwie immer komischer, zieht und zerrt an der Leine und fängt dabei immer mehr an, scheinbar frustriert zu bellen.

Ganze fünf Monate später gilt Benny, obwohl erst einjähriger Jungrüde  in seinem Umfeld als Problemhund und es erfolgt der erste Terminbesuch bei einem Verhaltensberater.

An dieser Stelle sollte jeder Leser Benny und dessen Verhaltensweisen nachvollziehen und sogar verstehen können. Scheibchenweise und für ihn erdrückend wurden seine scheinbar paradiesischen Freiheiten, die er als Welpe hatte (Narrenfreiheit) immer mehr eingeengt. Das konnte letztlich kaum gut gehen.

Ich stoße bei meiner Arbeit immer wieder auf noch recht junge, offensichtlich extrem leinenaggressive Hunde, die in hoher Erregung sogar wild um sich beißen. Und das alles nur, weil sie – ähnlich wie Benny – eine unbewusst fehlgeleitete Haltung und Erziehung „genossen“ hatten.

Machen Sie es doch besser und damit andersrum. Lenken Sie den Fokus und die Konzentration ihres Hundes so früh wie möglich nach innen und somit auf Ihre Person. Ist der Kontakt zu fremden Menschen wichtig? Ja, selbstverständlich. Aber was hat das mit Leckerchen und überschwänglichem Knuddeln zu tun? Wozu eine Attraktivität aufbauschen, unter der letztlich Ihre eigene Attraktivität nur leiden kann.

Gebremste Kontakte zu Menschen und Artgenossen sind möglicherweise nicht besonders attraktiv, erzeugen aber selbstverständlich auch soziale Sicherheit und Stabilität. Dafür bleibt Ihre Attraktivität stets erhalten und lässt sich bei weiterem Zutun (vor allem mit einer zielgerichteten Auslastung) noch steigern. Auch regelmäßiges, hemmungsloses Spielen mit Artgenossen, kann vereinzelt einen Suchtcharakter auslösen, der bei späteren respektlosen Begegnungen mit fremden, erwachsenen Hunden in aggressive Beißereien münden kann.

Bei allem, was Sie im Umgang mit Ihrem Hund auch tun. Seien Sie stets egoistisch genug, dies nicht für den Hund, sondern für eine harmonische Mensch-Hund-Beziehung zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrem Vierbeiner alles Gute!

Thomas Baumann