Frage an den Experten

Die Sache mit dem Duft

Frage:
Ich habe durch "Hören-Sagen" berichtet bekommen, dass Sie wohl irgendwo einen Kommentar zum Thema jahreszeitliche Auswirkung auf die Kastration von Rüden (Hund) gegeben haben. Angeblich soll es eine Studie geben, dass es bei Rüden, die im Frühjahr oder im Herbst kastriert wurden, eher zum Aufreiten von Artgenossen kommt/nicht kommt. Stimmt das? Wenn ja, wo finde ich das? Ich habe in der mir bekannten Literatur von Ihnen dazu nichts gefunden.

Antwort des Herrn PD Dr. Udo Gansloßer:
Sehr häufig hört man von Besitzern kastrierter Rüden oder von Hundetrainern, dass die Kastraten auf einmal unwiderstehlich für ihre intakten Artgenossen duften und von diesen entsprechend belästigt und bestiegen werden - für viele Kastraten ein Problem!

Die Vermutung, dass die unterschiedliche Attraktivität von kastrierten Hunderüden für unkastrierte männliche Artgenossen etwas mit der Jahreszeit der Kastration zu tun hat, bezieht sich auf Untersuchungen an Rotfüchsen, Wölfen und Kojoten, und wird gestützt durch einige ergänzende Befunde an Haushunden.

Sowohl im Sekret der Analbeutel als auch im Urin von männlichen und weiblichen, sowohl intakten als auch kastrierten Tieren der genannten Arten konnten jahreszeitliche Unterschiede in der Konzentration bestimmter Duftstoffe festgestellt werden.

Zunächst zu den Analbeuteln:

Bevor eine genauere Darstellung der jahreszeitlichen Unterschiede erfolgt, sollte nochmals betont werden, dass das Sekret der Analbeutel sich zum Teil aus den Stoffwechselprodukten von dort angesiedelten Bakterien zusammensetzt. Mehrere Studien konnten zeigen, dass sich nach Antibiotika-Gabe nicht nur die Bakterienzusammensetzung, sondern damit auch die Duftstoffzusammensetzung geändert hat. Auch das könnte also ein weiterer Hinweis auf eine unterschiedliche Attraktivität verschiedener Hunde für anales Beschnüffeln sein.

Im Bezug auf die Duftstoffe zeigt sich folgendes: Bei einer Untersuchung an Wölfen wurden Konzentrationsunterschiede zwischen Februar (= Paarungszeit) und August festgestellt. Der Bestandteil  Benzaldehyd beispielsweise war im Februar bei intakten Weibchen höher als bei intakten Rüden, im August bei intakten Rüden höher als bei intakten Weibchen. Der Bestandteil war bei kastrierten Rüden im August niedriger als bei intakten. Gleiches gilt für die Alkansäuren.
Vergleichbare Befunde am Rotfuchs, wenn auch ohne kastrierte Studienteilnehmer, sowie an Haushunden, wenn auch ohne jahreszeitlichen Bezug, zeigen immer wieder, dass die Geschlechtsunterschiede in der Duftstoffzusammensetzung deutlich sind, und wohl auch mit dem Fortpflanzungszustand zusammenhängen.

Duftstoffe im Urin:

Bezüglich der Duftstoffe im Urin wurden ebenso beim Rotfuchs zwischen intakten Rüden und weiblichen Tieren Konzentrationsunterschiede etwa wiederum beim Benzaldehyd, verschiedenen Sulfiden und Terpenen festgestellt. Bei manchen Methylsulfiden steigt die Konzentration zur Paarungszeit bei intakten Rüden stärker an als bei anderen Gruppen und sowohl bei kastrierten Weibchen wie auch kastrierten Rüden steigt die Konzentration dieser Duftstoffe nach Gabe von künstlichen Sexualhormonen. Auch bei Wölfen ist ein Methylsulfid bei intakten Rüden ein Monat nach der Paarungszeit am höchsten. Der Bestandteil Acetophenon ist bei intakten Wölfinnen und kastrierten Rüden höher als bei intakten Rüden. Manche aliphatische Ketone sind bei intakten Rüden höher als bei Kastraten, manche Stoffe, die bei intakten Weibchen höher sind als bei kastrierten Rüden steigen bei den kastrierten Rüden nach Gabe von Testosteron an.
Auch bei Kojoten liegen vergleichbare Befunde vor.

Jenseits der chemischen Details ergibt sich daraus das Bild, dass kastrierte Rüden zumindest in manchen Jahreszeiten eine ähnliche Duftstoffzusammensetzung im Urin und auch im Analdrüsensekret haben wie Weibchen. In manchen Duftstoffen dreht sich ja bekanntermaßen die Konzentration zwischen intakten Weibchen und intakten Rüden auch im Jahreszyklus um. Die Vermutung, die allerdings durch systematische Umfragen bestätigt werden müsste, liegt nahe, dass Rüden, die zu bestimmten Zeiten kastriert werden, in ihrer Duftstoffkonzentration auf diesem Stadium sozusagen festgeklemmt werden. Das könnte ein Grund für die unterschiedliche sexuelle Attraktivität dieser Rüden für intakte Artgenossen sein.

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